Warum kann das Internet (noch) nicht vergessen?

Himbeer

Well-known member
Ein GEO Artikel aus Heft 11/2010 greift in einem kleinen Gastbeitrag das Thema "Internet als weltweites Langzeitgedächtnis" auf.
Dazu eine Ergänzung auf deren webseite: Vergessen wir das - GEO.de

Wobei der Heftartikel an einer seltsam anmutenden Aussage von Google Chef Eric Schmidt aufgehängt ist:
Datenschutz-Problem gelöst: Einfach mal den Namen ändern : netzpolitik.org
Dazu ein weiteres Zitat von ihm (Quelle):
"I don't believe society understands what happens when everything is available, knowable and recorded by everyone all the time," he says. He predicts, apparently seriously, that every young person one day will be entitled automatically to change his or her name on reaching adulthood in order to disown youthful hijinks stored on their friends' social media sites.

"I mean we really have to think about these things as a society," he adds. "I'm not even talking about the really terrible stuff, terrorism and access to evil things," he says.

Dieser Beitrag solle nun aber nicht nur gewisse Auswüchse von Google festhalten, sondern vielmehr den dort zur Debatte stehend Vorschlag (Auszüge aus oben erwähnten Artikel):
Mayer-Schönberger schlägt deshalb vor, dass den Daten ein Verfallsdatum beigefügt wird. Wie bei einem Bild zum Beispiel der Zeitpunkt der Erstellung festgehalten wird, so soll auch von vorneherein bestimmbar sein, wann das Bild automatisch wieder verschwindet. Nach sechs Monaten, nach zwei oder zehn Jahren, je nachdem. Und dieses Datum müsste sich vom Nutzer jederzeit wieder ändern lassen – zum Beispiel, wenn ein Bewerbungsgespräch ansteht. Oder vor dem ersten Date.
Dem steht direkt gegenüber, dass das Internet gerade wie es ist viele Freiheiten bringt:
Peter Franck vom Chaos Computer Club (CCC) zweifelt ebenfalls an Mayer-Schönbergers Theorie: "So ein Zeitstempel ist eine ganz originelle Idee, die aber an der Realität vorbei geht. Das Ganze wird ein Gedankenspiel bleiben." Schließlich steckt hinter der romantisch klingenden Idee des vergesslichen Mediums eine knallharte Regulierung des Internets. "Man müsste eine solche Regulierung ja weltweit durchsetzen. Wenn jemand ein Interesse daran hat, Daten länger zu speichern und das in Deutschland nicht darf, dann nimmt er sich halt einen Server auf den Cayman Islands. Auch Facebook zum Beispiel interessiert sich ja nicht für deutsches Recht", sagt Franck. Jede weltweite Vereinbarung dieser Art gilt als Träumerei und wird von vielen auch gar nicht gewünscht: "Das wäre ja das Ende des offenen Netzes", so Jens Ohlig.

Diese zwei Auszüge mögen Lust auf mehr machen, denn eigentlich ist diese Problematik doch allgemein bekannt - nur den Ansatz des Verfallsdatums möchte ich euch mit auf den Weg geben. Und so sicherlich mal wieder ein wenig sensibilisieren.

Sollte das Interesse an der These von Viktor Mayer-Schönberger, Professor für Internet-Regulierung an der Universität Oxford, noch nicht befriedigt sei, dann empfehle ich den Artikel in der GEO 11/2010 selbst - denn dort dreht es sich auch ganz allgemein um die allzu menschliche Eigenschaft des Vergessens. Wie auch in seinem Buch Delete. Die Tugend des Vergessens in digitalen Zeiten


Nachtrag:
Damit hier tatsächlich die Inhalte ankommen, die mir wichtig erschienen habe ich einen Teil des Heftartikels (S.94f) eingetippt, der Aspekte der Erinnerung und des Vergessens behandelt:
Indem wir Menschen vergessen, entsorgen wir Erinnerungsmüll. Auch wenn wir uns manchmal ärgern, das Falsche vergessen zu haben, etwa wo unser Auto parkt oder wie die Geheimzahl der Bankkarte lautet - der Harvard-Psychologe Daniel Schacter ist überzeugt, dass das Vergessen eine zentrale Rolle in unserem Leben spielt. Nur indem wir Details der Vergangenheit vergessen, können wir abstrahieren; bleiben wir fähig, in der Gegenwart zu handeln. Die wenigen Menschen, die kaum vergessen können, beschreiben ihr extremes Erinnerungsvermögen meist als Bürde. Sie finden es schwierig, im Jetzt zu leben. Und: indem wir vergessen, vergeben wir auch. Würden wir uns permanentn erinnern, dann blieben uns nicht nur die eigenen Fehler stets präsenbt, sondern vor allem die der anderen, denewn wir dann kaum nich unbefangen begegnen könnten.
Optimisten glauben, wir können unser Verhalten irgendwann der Technik anpassen. Wir könnten unser Gehirn zwingen zu aktzeptieren, dass Menschen sich mit der Zeit verändern. Und dass nicht jedes digitale Foto oder Zitat aus irgeneiner Lebensphase eines anderen Menschen ernst zu nehmen ist.
Diese hoffnungsvolle Sicht verkennt die grundsätzlichen Schwierigkeiten, die wir Menschen mit Erinnerungen haben. Wir unterliegen bestimmten Mechanismen - etwa dem, dass wir uns negative Dinge über andere stets länger merken als positive. Kognitionsforscher bezweifelen, dass es uns Menschen möglich ist, solche Konstanten unseres Erinnerungsvermögens bewusst zu verändern.
 
Ich habe den Text zugegebenermaßen nicht gelesen, da ich gerad zeitlich kurz angebunden bin, aber ich möchte auf die Überschrift eingehen:

"Warum kann das Internet (noch) nicht vergessen?"

Weil dies der Untergang des letzten wirklich freien Mediums unserer Gesellschaft wäre. Regierungen und Lobbyistenverbände könnten, noch stärker als heute, Einfluss auf die Bevölkerung nehmen, indem unbeqeume Inhalte (und dazu gehören alle Nachrichtenportale) ein "Verfallsdatum" erhalten würden.
Nach einigen Jahren würde kein Mensch mehr wissen (können) welcher Staat welche Kriegsverbrechen begangen hat, kein Mensch würde wissen, welcher Pharmakonzern illegale Menschenversuche an Kindern unternommen hat (zB Phizer in diesem Fall), kein Mensch würde wissen welche Unternehmen sich in wie fern durch "Spenden" und Aufsichtsratssitze bei unseren Politikern für ihre Interessensvertretung bedanken.

Viele normale Menschen unterschätzen die Macht des Internets - die letzten 20 Jahre haben aber deutlich gezeigt, dass sich das Wählerverhalten ändert; Natürlich braucht das noch weitere Jahrzehnte, aber ich habe die große Hoffnung, dass wir uns irgendwann von unseren "Volksparteien" verabschieden werden.
Das wird auch nötig sein, denn speziell wir als Chef-Sanierer der EU, werden noch deutlich spürbare Einschnitte in den nächsten Jahren hinnehmen müssen - da braucht niemand an die Sprüche von wegen "Aufschwung" glauben. Die Krise ist alles andere als beendet, ich gehe sogar soweit und sage, dass wir das Schlimmste noch vor uns haben in den nächsten paar Jahren.

Und dass genau das (diese unglaubliche Macht u.a. einiger weniger Finanzunternehmen, aber generell von Unternehmen) VIELLEICHT bei der nächsten / übernächsten Generation abgeschwächt wird, muss es ein Medium geben, dass solche negativen Erfahrungen speichert.
Das Internet vergessen zu lassen, da gab es auch schon interessante Artikel in der cT Zeitschrift, wäre der feuchte Traum der Regierungen und (ich nenne es mal abwertend) deren Hintermänner.
Die Print- und TV Medien sind längst unter Kontrolle, da braucht man sich nur ansehen, welche Unternehmen wem gehören (Beispiel Springer in D oder meinetwegen FOX in den USA. Von Italien und Berlusconis gleichgeschaltetem Medienimperium fang ich mal nicht an).


Der Vorstoß alleine schon, das Internet verfallen zu lassen, ist ein Schlag ins Gesicht.


So, nun komm ich zu spät, aber ich fand das wichtig. lg
 
Interessanter Tehmenansatz,
der (für mich) jetzt aber viel mehr Zeit benötigen würde, um darauf angemessen und strukturierter antworten zu können.

Nur soviel als vorläufige Antwort von mir dazu.

Das Internet hat zwar das Potential, ein Langzeitgedächtnis unserer Zivilisation zu werden,
allerdings bestehen die Gefahren zu Einen in einer Identitätsverfälschung sowie aber auch zum Anderen in der Verdrängung bzw. schlimmstenfalls Löschung von Daten zur (Geschichts)Verfälschung.

Man siehe dazu nur einmal die Bemühungen "unserer" eigenen "Demokratie" ;)
Google Transparency Report: Government Requests

Wer weiß denn schon genau, was in und mit diesen über 120 Löschanträgen alles so verschwunden ist. ;)
Z.B. nur (kinder)pornographische Sites,
was übrigens recht einfach zu begründen und begrüßenswert wäre,
oder aber auch anderes "Unbequemes",
was man derart peau a peau aus dem digitalen Gedächtnis löschen möchte?

muesli
 
Ein anderes Problem ist, dass veraltete Informationen auch nicht verloren gehen. Erfahrungsberichte zu Windows 3.1 sind heute noch vorhanden, obwohl sie keiner mehr lesen will. Das führt dazu, dass man bei einer Suche die gewünschten Seiten immer schwer finden wird.

Eine auch oft unerwünschte Sache ist, dass selbst nach dem Tod die Beiträge in den Foren stehen bleiben. Nicht immer einfach für die Angehörigen, es gibt dazu auch schon Tools zum Löschen.
Manchmal wünsche ich mir schon einmal ein Blitzdings für das Internet.

Viele Grüße
 
Ein anderes Problem ist, dass veraltete Informationen auch nicht verloren gehen. Erfahrungsberichte zu Windows 3.1 sind heute noch vorhanden, obwohl sie keiner mehr lesen will. Das führt dazu, dass man bei einer Suche die gewünschten Seiten immer schwer finden wird. [...]
Warum sollen dadurch die gewünschten Sachen schwerer gefunden werden?
Du wirst doch wohl kaum nach Windos 3.1 Erfahrungsberichten suchen und neue
Seiten erwarten.
Suchmaschinen zeigen meist die neueren Seiten zuerst. Somit werden ältere
Seiten nur angezeigt, wenn du nach sehr speziellen Sachen suchst, zu denen
nichts aktuelles verfügbar ist.

Phunny
 
mmm.... vergessen geht schon.... wie viele sdomains/eiten machen dicht, und damit ist die information dann in der regel weg. In search engines mag noch ein verweis stehen, der beim anklicken dann aber in das nirwana führt....
 
@Phunsoldier

Weil Du mit unscharfen Suchwörtern eben doch die alten Seiten erwischt, z. B. wenn sie stark verlinkt sind. Außerdem müllen die auch die Indizes der Suchmaschinen zu, die immer länger brauchen um neue Seite zu indizieren.

Viele Grüße
 
Sehr interessantes Thema, ich für meinen Teil würde den unzahlig vielen Pc´s der privatusern eine höheren Anteil an der ganzen Sache zuschreiben, den dort wird auch undglaublich viel gespeichert was dann in Sozial-Networks landet...
 

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