In den letzten Tagen hatte man das Konzept der "Einzelgespräche" (zur on-camera-Verkündung, wer weitermachen darf, und wer rausfliegt um danach zwar kein Popstar zu werden, sich aber trotzdem im Bikini auf Ibiza weiter filmen zu lassen) mehrmals geändert um "die größtmöglichen Emotionen" hinzukriegen, und nachdem -bis auf die Zusammenbrüche tagsüber unter Wassermangel beim Tanztraining- immer noch niemand so richtig heulen wollte, und es mit der Auswahl der "Kandidaten" gleichzeitig eng wurde, standen die Macher so unter Druck, daß noch mal ganz neue und extrafiese Saiten aufgezogen wurden. Ich saß am Jurytisch und mir wurde ein Zettel hingelegt, auf dem stand, wen ich als Jurymitglied nicht mehr gut finde und wen die Jury dabei haben möchte. Verfasst hat den Zettel nicht die Jury. Dazu gabs noch einen zynischen Spruch zur Erklärung. Mir wurde schlecht. ich schämte mich. Ich war außerstande, noch was zu sagen weil ich wußte: wenn ich jetzt anfange, habe ich 5 Beleidigungsklagen am Hals und tue den Typen den großen Gefallen, vor laufender Kamera quotenträchtig durchzudrehen/zu beschimpfen/zu heulen. Ich saß da, versuchte, zu checken, was hier eigentlich abgeht, daß tatsächlich von mir verlangt wurde, freudig dafür einzustehen und zu verkünden, was ich nicht im geringsten mitentschieden hatte, und habe (was mir -leider- generell sehr selten passiert) geschockt die Sprache verloren. Währenddessen wurden schon die ersten Opfer zum "Verhör" reingeführt, also zur möglichst zähflüssigen und wischiwaschi-gehaltenen Verkündung ob sie heute Abend rausfliegen oder nicht, damit sie schön erst am Schluß der Ansage heulen. Während die paralysierten Kandidaten auf dem "Entscheidungsstuhl" mir in die Augen kuckten kam ich mir richtig beschissen vor, denn ich sollte ihnen sagen, was im Drehbuch vorgesehen war, womit ich aber nichts zu tun haben wollte. Die Leute taten mir leid und ich wollte sagen "hau bloß ab, du kannst sowieso nicht beeinflussen ob du genommen wirst oder nicht, es tut mir leid, das hat kein Mensch nötig" etc. aber es kam überhaupt kein Ton mehr raus. Die Produktion fragte förmlich an, ob ich dann bescheid sagen würde, wenn ich wieder so weit sei, weiterzumachen. Ich stand auf und sagte ich brauche ne Pause. Ging in den Keller der Disco, in der der Dreh war, dekorierte ein bißchen um, räumte wieder auf und nahm mein Mikro ab. Gleichzeitig haute ein Stockwerk höher ein begabter Vocalist einen Aschenbecher an seinem Kopf kaputt nachdem ein Jurymitglied ihm sagte, er "könne nicht rappen". Wenig später erfuhr ich von einer Kandidatin, daß auf ihre Anfrage hin, wo ich denn bei der Verkündung geblieben sei, "der Typ, der die Fäden zieht und Zigarre geraucht hat", gesagt habe, "Noah ist jetzt nicht mehr in der Jury dabei".